Review: G. Karimullin, Prototjurki i indejcy Ameriki more |
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Linguistics, Languages and Linguistics, Nostratic, Altaic Linguistics, Glottology, Historical Linguistics, History Of Linguistics, Amerindian Studies, Amerindian linguistics, and Turkic Linguistics
Studia Etymologica Cracoviensia
vol. 3 Krakow 1998
Abrar G. K a r i m u 1 1 i n: Prototjurki i indejcy Ameriki. Po sledam odnoj
gipotezy, Moskva 1995: „Insan", 65 S., 11 Abb.
Es ist eine schwer zu beantwortende Frage, ob man ganz schlechte Biicher
in wissenschaftlichen Zeitschriften besprechen oder eher ganz ignorieren soli.
Fur das Letztere spricht der Umstand, daB jede Rezension, auch eine negative,
eine Art Anerkennung ist. Daher fuhle ich mich hier gezwungen, gleich am
Anfang die Tatsache zu betonen, da6 diese Rezension keinerlei Anerkennung
bedeutet.
Wenn die Urahnen der Indianer aus Asien tiber die BeringstraBe nach
Amerika gekommen sind, dann ist die Hypothese, daB ihre Sprachen mit
den asiatischen urverwandt sind, gut moglich. Zur Zeit aber nur so viel. Wie
Thor Heyerdahl mit seiner FloBfahrt nur die Moglichkeit, von Peru nach
Tahiti auch mit recht einfachen Wasserfahrzeugen zu gelangen, gezeigt hat,
ohne dadurch allein altertumliche Kontakte beweisen zu konnen, so weisen
auch archaologische und anthropologische Erkenntnisse lediglich auf eine
Moglichkeit hin, die aber — aus unterschiedlichen Grunden, auf die der
Verf. gar nicht eingeht — linguistisch sehr schwer zu iiberprufen ist. Daher
ist das hier zu besprechende Buch besonders gefahrlich, da es durch seinen
Dilettantismus eine Hypothese diskreditiert, bevor sie ernsthaft uberpruft
werden konnte.
Den Grund dafur, daB ich diese Rezension schreibe, soil der Leser also
in dem Wunsch sehen, zu zeigen, daB nicht die Hypothese selbst, sondern
lediglich das Buch wertlos ist.
Schon die Form des Buches ist fur eine wissenschaftliche Arbeit recht
unublich: eine pausenlose Erzahlung, ohne Plan und Einteilung in Kapitel,
mit zahlreichen Mitteilungen, wie schwer es war, an die eine oder andere
Information bzw. Publikation zu kommen, wie sehr der Verf. bei der Lektiire
mancher Arbeiten staunen muBte usw. usf.
Die Zahl der Druckfehler konnte jedem Chaoten imponieren. Ganz nor-
male, uninteressante Druckfehler wollen wir hier nicht einmal beispielsweise
nennen, doch einiges muB ich erwahnen. So erfahren wir z.B. auf S. 23, daB
es eine reiche englischsprachige Literatur tiber den Kampf gege.n Jiidisehe"
(indijskie statt indejskie) Stamme gibt. Etwas ganz Besonderes ist mit dem
Titel des faszinierenden Buches von Theodora Kroeber Ishi in two worlds
(California 1961) passiert. Der Titel lautet in der russischen Ubersetzung Isi
170
v dvux mirax (Moskva 1970; vgl. die gut gelungene polnische Ubersetzung von
J. Mroczkowska: Ishi — czlowiek dwdch swiatow, Krakow 1978). Nun, durch
einen Druckfehler ist der Name des indianischen Haupthelden des Buches
Ishi ~ Isi zu Isci geworden, so daB auf S. 28 (sowohl im Text als auch in
der bibliographischen FuBnote) der Titel Isci v dvux mirax lautet, und das
wird fur jeden russischen Leser bedeuten 'Suche in zwei Welten\ da isci die
Imperativform der 2.Sg. von iskat' 'suchen' ist. Dabei vermutet der Verf., daB
der Autor (eigentlich muBte es sein: die Autorin, aber vielleicht meint der
Verf. den verstorbenen Ehemann von Theodora Kroeber, der den Indianer
Ishi im Museum pflegte und mit ihm zusammenarbeitete) moglicherweise den
Namen des Indianers falsch horte und Ishi, das sehr an Dakota ichi 'Genosse'
erinnert, statt cichi (d.h. etwa kici bzw. kisi) niederschrieb, denn dieses cichi
wurde dem tatarischen Wort kese 'Mensch, Mann' besser entsprechen. Fur
weitere Etymologisierungsbeispiele des Verf. siehe weiter unten.
Moglicherweise auf Druckfehler sind auch manche grammatikalische Feh-
ler zuruckzufiihren, z.B. oni ne imeet [sic!] predlogov (S. 18); stat'ja /".../,
prodolzenie kotoroj byla [sic!] opublikovana [sic!] (S. 37); emu prinadlezat [sic!]
rjad rabot (S. 38).
Es gibt hier aber auch eindeutige grammatikalische Fehler, die durch
keine ungenaue Korrektur erklart werden konnen, so z.B. sootvetstvuet na
[sic!] tjurkskie [...] (S. 39); na osnove perexoda odnix zvukov na [sic!] dmgie
(S. 39); v jazyke majja siroko upotrebljaetsja pervonacaVnoe „p" [..cto [.../
javljaetsja redkim javleniem Hi ze otsutstviem [sic!] v tjurkskix jazykax (S. 40)
u.a.m.
Angesichts dieser Fehler darf es keinen Leser staunen lassen, daB auch
nicht-russische Namen und Titel ziemlich fehlerhaft angefuhrt werden. So
wird z.B. auf S. 10 vom deutschen Historiker Joseph Hammer-Purgeschtel
[sic!] gesprochen, und zwar in einem Satz, dessen Logik wenig einleuchtet,
und die Struktur eher an Arbeiten der ausgehenden 50er Jahre erinnert: Trudy
Ibragima Xal 'fina siroko ispol 'zoval i nemeckij istorik Jozef Gammer-Purgestel'
v svoix rabotax po istorii tjurkskix narodov, kotorogo vysoko cenili Karl Marks,
Fridrix Engels i v etom smysle mozno govorit', cto imja Ibragima XaVfina
bylo izvestno i osnovopoloznikam ,fiaucnogo" kommunizma (S. 10f.). Selbst
der Name O. Roehrigs, eines der Haupthelden des Buches kommt in den
FuBnoten auf S. 15 einmal als Roehrig, einmal als Rachrig und zweimal als
Rochrig vor. Auf S. 32 und 42 ist die Rede von einem Indianerstamm der
Azketen. Es ist mir leider nicht gelungen festzustellen, in welcher Sprache der
Titel des in FuBnote 5 auf S. 47 genannten Werkes formuliert ist: American
asiatishe Etymologien via Behrings strasse from the East to the West (Leipzig
1871).
Fur einen Phonetiker wird es sicher interessant sein zu erfahren, daB es in
Maya-Quiche ein gljutizirovannoe „k" und in den Tiirksprachen ein veoljarnoe
„g" (S. 39) gibt. Aber auch Kenner der pathologischen Anatomie werden im
Buch etwas fiir sich finden, die Information namlich, daB das Quechua-Wort
171
cunqa den zehnten [sic!] Finger einer Hand bedeutet; erleichternd wirkt
die Erklarung des Verf., daB es schon der letzte Finger ist (S. 45). Einen
revolutionaren Wert hat auch die Mitteilung, da8 Sanskrit die Sprache der
Insulaner Ozeaniens ist (S. 22).
Geographen und Ethnologen werden fur die Erkenntnis dankbar sein, daB
es viele Ahnlichkeiten gibt zwischen FloBen in Chile in Amerika und denen
in Chile in Afrika (S. 53).
Indogermanisten seien auf den Umstand aufmerksam gemacht, daB es in
der indogermanischen Sprachfamilie u.a. den slawischen und den indogerma-
nischen [sic!] Zweig gibt sowie daB als Beweis fur die genetische Urverwandt-
schaft der indogermanischen Sprachen das Wort fur 'funf gilt, das im Latein
kvinke lautet (im weiteren zeigt der Verf. seine eigene Art der linguistischen
Beweisfuhrung: ne mogu ne uderzat'sja skazat' o „pjat'" i na tatarskom ja-
zyke „bis" [so wortlich!], v kotorom est' cto-to blizkoe s etim „panc" — das
muB den Linguisten reichen; der Zusammenhang zwischen dem Thema des
Buches einerseits und der Indogermanistik andererseits sowie dem nachsten
Satz blieb mir verschleiert: A vot cislo „pjat'desjat" v tatarskom obrazovano ne
iz „pjat'" (50 — Jlle"), kak v russkom jazyke „pjat' +desjat"' — und das alles
auf nur einer Seite 57!). Auf S. 58 erfahren wir dagegen, daB Unterschie-
de zwischen den indogermanischen Sprachen so groB sind, daB zahlreiche
Sprachwissenschaftler die genetische Zusammengehorigkeit dieser Sprachen
bezweifeln.
Wie die These des Verf. genau lautet, bleibt bis zur letzten Seite unklar.
Das ttirkische (eigentlich fast ausschlieBlich: tatarische) Wortmaterial wird
hier mit Dakota-, Maya-, Aztekisch- und Quechua-Matenal verglichen. In-
dessen reicht auch nur eine fluchtige Bekanntschaft mit der Grammatik des
Maya mit ihrem System von Prafixen und sogar mehrsilbigen Prafix-Ketten
sowie den polysynthetischen Tendenzen, um den Verdacht zu schopfen, ob
Maya tatsachlich in einem Atemzug mit den Turksprachen genannt werden
darf. Ubrigens, auch Dakota, Aztekisch und Quechua haben inkorporierende
Pradikate. All dies wird hier aber vollig ignoriert. Der Verf. beruft sich zwar
(S. 50, Anm. 2) auf eine posthum erschienene Monographic Etudes typo-
logiques sur les langues indigenes de VAmerique (mit englischem Paralleltitel:
Typological studies on the American Indian languages', Krakow 1967) von T. Mi-
lewski (nicht Milewsky), doch dies ist sehr irrefiihrend, da gerade T. Milewski
die Moglichkeit genetischer Verbindungen zwischen Asien und Amerika zwar
nicht ausschloB, aber sehr vorsichtig betrachtete und mehrmals betonte, daB
er nur von typologischen, nicht genetisch bedingten Ahnlichkeiten spricht
(jungere sudasiatisch-amerikanische Kontakte und Kultureinflusse lieB er da-
gegen zu). Daher ist es verstandlich, daB er auch iiber ^Typological similarities
between Caucasian and American Indian languages" (Folia Orienialia 4 [1962]:
221-230) sowie iiber die „Comparaison des systemes phonologiques des lan-
gues caucasiennes et americaines" (Lingua Posnaniensis 5 [1955]: 136-165)
schrieb, ohne zu behaupten, daB Indianersprachen kaukasischer Herkunft
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(oder umgekehrt?) waren. Ganz eindeutig (in bezug auf Forschungsperspekti-
ven sogar etwas skeptisch) auBert sich Milewski in seiner polnischsprachigen
Studie „Kontakty jezykowe ludow Ameryki i Azji w epoce przedkolumbowej"
[= 'Sprachkontakte der Volker von Amerika und Asien in der Zeit vor Ko-
lumbus'] (aus dem Jahr 1964; neugedruckt im Reprints-Band von T. Milewski:
Teoria, typologia i historia jgzyka, Krakow 1993, S. 174-178, insb. S. 174f.). An-
sonsten vgl. auch seine Similarities between the Asiatic and American Indian
languages" {International Journal of American Linguistics 26 [I960]: 265-274).
Eine solche Zitierweise kann den Eindruck erwecken, daB auch viele
andere Sprachwissenschaftler ahnliche Beobachtungen gemacht haben, so
daB die Arbeit des Verf. auf solidem wissenschaftlichem Fundament fuBt.
In Wirklichkeit verrat der Verf. sein linguistisches Niveau, indem er z.B.
behauptet, er habe ungefahr 50 Maya-Wort er gefunden, die jedem, der ir-
gendeine Tiirksprache kenne, leicht verstandlich seien, ohne daB er sich in die
Geschichte der Lexik der Turksprachen hatte vertiefen mussen (S. 31: /".../
my nasli okolo 50-i takix slov, kotorye mozno legko ponjat', znaja kakoj-libo
tjurl<skij jazyk, ne zatrudnjaja sebja poiskami ekvivalentov v v [sic!, doppelt
gedruckt] debrjax tjurkskix jazykov).
Von einem Forscher, der sich an ein solches Thema heranmacht, ware
zumindest die Kenntnis der amerikanistischen Transkriptionen zu erwarten.
Auch das ist hier leider nicht der Fall. Die Behauptung, daB Ju. V. Knorozov
und S. Wikander ein und dasselbe Maya-Wort unterschiedlich lesen, und
zwar Knorozov als jas, Wikander dagegen als „yax", d.i. jax (S. 39), ist ganz
falsch, weil der lateinische Buchstabe <x> hier nicht dem kyrillischen <x>,
d.h. einem Ach-Laut entspricht, sondern den Lautwert von [s] hat, so daB
Knorozovs jas und Wikanders yax einfach zwei verschiedene Transkriptionen
von ein und demselben Wort sind.
Auf parallelem Niveau stehen auch Etymologien des Verf. Um das
Dakota-Wort tan(g)i 'erfahren; klar machen' aus den Turksprachen zu etymo-
logisieren, stellt er es mit einem (t)arjla- Verstehen' (offensichtlich ist das t- in
den Turksprachen einfach so abgefallen) und gleichzeitig mit tatarisch tanyjm
'ich verstehe' (S. 19) zusammen. Welcher turkologische Linguist sonst wurde
es wagen, arjla- mit tany- zu identifizieren? — Die sonstigen, auf derselben
Seite dargebotenen Wortzusammenstellungen haben ebenfalls keinen Wert, da
sie alle entweder Kinderworter {ata 'Vater', ina 'Mutter', mami cBrust') oder
aber Onomatopoetika {kuke 'Kuckuck') sind. Gerade das Wort fur 'Kuckuck'
kann fast alle Sprachen der Welt miteinander verbinden. — Auf S. 26 wird
tatarisch hasty 'er uberfieF mit gemeinttirkisch has 'Wunde' identifiziert. — In
der Tabelle auf S. 34 linden wir die folgende Zusammenstellung vor: Maya pa,
pao 'Wasser' = tiirkisch su, hu 'Wasser'. Fiir ein Verbindungsglied zwischen
diesen „Lautvarianten" konnte vielleicht das Rapanui-Wort (Osterinsel) moa-
hu 'tiefes Meer, Ozean' (semantisch offensichtlich: 'tiefes Meer' < 'Wasser +
Wasser', d.h. moa [~ pao] + hu) vorgeschlagen werden? Wenn schon, denn
schon...
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Wer ist denn eigentlich der Verf. dieses Buches? Im Vorwort auf S. 4-6
lesen wir, daB A. Karimullin ein tatarischer Gelehrter von weiten Horizonten
(S. 4: ucenyj sirokogo profilja) ist. Er hat namlich bahnbrechende Arbeiten
zur tatarischen Linguistik und Literaturgeschichte geschrieben, weiter auch:
zur Buchgeschichte und der Genese des tatarischen Volkes, zur nationalen
Biihnenkunst, der tatarischen Geschichte, der literarischen und wissenschaft-
lichen Bibliographie und zu orientalischen Handschriften. Kein Wunder, daB
ein so vielseitiger Forscher allerwarts Anerkennung findet, so z.B. in Austra-
lien (interessant, an welcher turkologischen Forschungsstatte?), wo ihm der
Ehrentitel Marquis de Turan verliehen wurde (S. 6).
Die Lektiire dieses merkwiirdigen Biichleins iiberzeugt, daB sich der Verf.
sehr viel Miihe gegeben und vieles uber Indianer gelesen hat. Es fehlte ihm an
nur drei Sachen: turkologischen Kenntnissen, amerikanistischen Kenntnissen
und linguistischer Schulung.
Marek STACHOWSKI (Krakow)